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Vom Glück, das Lesen nicht zu lassen.

 

Manchmal, so scheint es, sind wir auf einem absteigenden Ast, was das Lesen und Bücher betrifft. An vielen Stellen hören wir, dass der Rückgang der Leserschaft enorm ist und Menschen immer weniger Gefallen daran finden, sich mit einem guten Buch in eine gemütliche Ecke zurück zu ziehen.

 

Die Buchbranche muss sich allerlei einfallen lassen, um sich nicht in die Gruppe derer einzureihen, die verlauten lässt: Unsere Produkte gehören in unserer schnelllebigen, digitalen Welt der Vergangenheit an. Lesefans wiederum sagen:  Das Buch wird niemals aussterben. Sie glauben fest daran, dass das Lesen jede Krise, jede Neuerung, jede Entwicklung überstehen wird. Die Einen lassen es also, die anderen nicht.

 

Ich stelle mir die Frage: Was ist es, das uns das Gefühl gibt, mit dem Verschwinden des Buches ginge eine ganze Ära zu Ende? Warum wird die Entwicklung des Leseverhaltens beim Buchmarkt so kontrovers diskutiert?

Das Leben scheint schneller zu werden, die Zeit knapper, und wir haben das Gefühl, dass es niemals reicht. Alles ist sofort verfügbar, eine gute Geschichte kann ich auch als Film innerhalb von 1,5 Stunden erleben, anstatt mich mehrere Tage lang tausenden von Buchstaben zu widmen. Warum also sollte ich meine "Zeit verschwenden"?

 

Was hat das Buch, dass es sich lohnt, ihm einen Platz in meinem Leben einzuräumen? Der Gedanke könnte auch so klingen: Ich würde so gern wieder lesen, ich erinnere mich, dass etwas daran sich fast magisch anfühlte, jedenfalls tat es mir gut damals, doch ich habe einfach keine Zeit. Das Leben nimmt mich so in Anspruch, ständig geschieht etwas Neues. Wenn ich mich da mit einem Buch aufhalte, wie soll ich die verlorene Zeit je wieder aufholen? So oder ähnlich mag es vielen gehen. Wir schwanken zwischen passiver Sympathie fürs Buch und krampfhaftem Festhalten an der Aktivität, doch so richtig genießen können wir keinen dieser Wege.

 

Vielleicht kann ein kleines, herzliches Pladoyer Abhilfe schaffen. Wenn wir eingehender formuliert haben, was genau am Lesen so wundervoll, so magisch und anziehend ist, können wir besser entscheiden, wie wir individuell dazu stehen.

 

Meine Gedanken dazu klingen in etwa so: Ein Buch... ist ein Geschenk an mich selbst.

 

Ich schenke mir... eine Reise. Ein Abenteuer. Ich schenke mir Spannung, Entspannung, Wissen über Dinge, die mich ganz persönlich interessieren, ich schenke mir Zeit. Ich schenke mir, dass ich langsam sein darf. Ich schenke mir Fantasie, Farben, soweit das innere Auge reicht, eine eigene andere Welt, ein weit entfernter Stern, so nah.

 

Ich schenke mir, dass man mich in Ruhe lassen muss, denn ich bin beschäftigt. Ich schenke mir das Abschalten der Klingel und des Telefons, Stille.

 

Ich schenke mir Verbundenheit. Mit den Welten der Bücher tauche ich ein in jahrhundertealtes Wissen, in Gedankenwelten anderer Menschen, in geteilte Leidenschaft, ich bin verbunden mit kollektivem Kultur-und Gedankengut, empfange und muss für eine kleine Zeit nichts geben. Das Buch verlangt nichts von mir, als dass ich es spüre und seine Geschichte wertschätze.

 

Ich schenke mir Erlaubnis für Verständnislosigkeit. Ich darf einen Satz fünf, zehnmal lesen, wenn ich mit den Gedanken abgeschweift bin. Niemand ist mir deswegen böse.

 

Ich schenke mir wertfreien Raum, persönliche Entfaltung. Mein Innerstes gespiegelt in Worten anderer, baden in einem Meer aus Perspektiven und doch bin immer ich es, die wählt, bei wem sie hinhört.

 

Ich schenke mir Bildung. Ich schenke mir eine Basis, um mir eine eigene Meinung bilden zu können, ich schätze gleichzeitig meine eigene und die Weltsicht Anderer wert.

 

Ich schenke mir Ferien, für die ich nicht ins Auto steigen muss. Mein Luxus ist das Langsam sein und meine Hoffnung die Perspektive auf unzählige bessere Welten. Ein Buch ist ein Geschenk.

Für mich... ist es jede Pause wert.

 

Ja freilich, ich bin ehrlich: All das kann man sicher auch durch andere Medien und Lebensweisen erhalten. Das Buch ist kein Allheilmittel für jeden Menschen, doch für die, die es sich aussuchen. Ich möchte nicht nostalgisch werden, auch wenn es mich immer wieder dazu verleitet, denn ich habe das Buch gewählt. Und doch muss ich gestehen: Ich habe bisher keinen Ersatz gefunden, der, wie das Buch, nicht ausschließlich positive Nebenwirkungen hätte.

 

Also lade ich Sie ein: Finden Sie ihre persönlichen Gründe, warum es sich zu lesen lohnt - dann wird es ganz leicht, es auch weiterhin zu tun.

 

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!

 

Sarah Kersting

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